Christdemokratie

 

Ich habe mich auf die Suche gemacht nach dem Markenkern der Christdemokratie. Herausgekommen ist ein Sammelband mit Beiträgen über die Wurzeln der Christdemokratie. Armin Laschet urteilt: "Der Sammelband über die Kölner Leitsätze ist ein willkommener Beitrag zur programmatischen Schärfung des Erscheinungsbildes der Union. Aktueller hätte er kaum sein können." Das Buch erhalten Sie bei Amazon: https://www.amazon.de/Kölner-Leitsätze-1945-heute-Christdemokratie/dp/3643141033

Der Sammelband lädt ein zur Diskussion über den Markenkern der CDU. Um den Markenkern zu bestimmen wird ein Gründungsdokument der Christdemokratie - die Kölner Leitsätze - von Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Politik und Wissenschaft betrachtet. Beiträge liefern u.a. JProf. Franziskus Knoll, Staatsekretärin Serap Güler, Prof. Christian Hillgruber, Prof. Matthias Zimmer MdB und Paul Ziemiak MdB. 

 

Christliches Menschenbild in der politik

Die menschliche Person ist von seinen Beziehungen geprägt: die Beziehung zu Gott und die Beziehung zu den Mitmenschen und die Beziehung zu sich selbst. Gott, Mit-Mensch und das Selbst stehen in unauflösbarer natürlicher Verbindung miteinander. Person meint den Menschen, „der das „In-sich-Sein“ besitzt, der in Freiheit entscheidet und handelt, der selbständig ist und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung hat“. Dieses Person-Sein des Menschen ist vielfältig: Der Mensch ist als moralisches Subjekt frei, er ist auf Gesellschaft angewiesen, Geist und Leib sind untrennbar verbunden, er strebt nach Erkenntnis und Transzendenz und der Mensch ist fähig zu sündigen sowie zu scheitern . Nichts anderes erleben wir jeden Tag selber: Wir suchen nach Sinn in unserem Leben, wir schicken ein Stoßgebet zum Himmel, mal tun wir Gutes und mal tun wir Schlechtes. Und all dies gehört zu uns als Person dazu. Und genauso hat Gott uns geschaffen. 

 

Dies hat Auswirkung auf die konkrete Ableitung für die soziale Ordnung und Gemeinschaft: „Jedem menschlichen Zusammenleben, das gut geordnet und fruchtbar sein soll, muss das Prinzip zugrunde liegen, dass jeder Mensch seinem Wesen nach Person ist. Er hat eine Natur, die mit Vernunft und Willensfreiheit ausgestattet ist; er hat daher aus sich Rechte und Pflichten, die unmittelbar und gleichzeitig aus seiner Natur hervorgehen.“ Das Personalitätsprinzip begründet damit eine Politik, die den Menschen in seinem natürlichen Wesen ernst nimmt. Für die Organisation des Staatswesens bedeutet dies, dass der Mensch „Träger, Schöpfer und das Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen“ ist und sich die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung am Menschen auszurichten hat und nicht umgekehrt. 


Das Personalitätsprinzip nimmt an, dass Mensch Person und Person Mensch ist. Das Menschenbild ist in jeder Gesellschaft von Bedeutung, weil hieraus die Spielregeln des gesellschaftlichen Miteinanders bestimmt werden. Es macht eben einen Unterschied, ob ich davon ausgehe, dass das Schicksal des Menschen mit seiner Geburt bestimmt ist und sein Lebenswandel nur sein unabwendbares Schicksal widerspiegelt, oder ob ich davon ausgehe, dass der Mensch seines Glückes Schmied ist und sein Leben selbstbestimmt führt. Für die Kölner Leitsätze ist das Menschenbild klar christlich. Demnach ist der Mensch als Abbild Gottes geschaffen: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.“. Der Mensch hat eine Seele und ist als Individual- und Sozialwesen zu Freiheit und Verantwortung berufen. Das heißt, dass jeder von uns unabhängig von allen anderen eigenständig ist, aber trotzdem nie allein, deshalb sind wir frei für uns selber, aber tragen auch Verantwortung, z.B. für Freunde und
Familie. Die Würde de sMenschen ergibt sich aus der im Schöpfungsakt angelegten unbeendbaren personalen Beziehung des Menschen zu Gott: der Personalität. 

Mit voranschreitender Säkularisierung von Staat und Gesellschaft muss die Frage erlaubt sein, was ein Gottesbezug in der Politik überhaupt noch verloren hat. Die junge Generation sucht heute in einer Zeit des politischen Umbruchs Orientierung, aber das Bewusstsein über die existentielle Bedeutung des Menschenbildes für die politische Ordnung ist für die junge Generation – aufgewachsen in Wohlstand, Frieden und Freiheit, wobei gottlose Regime nur Texte im Geschichtsbuch sind – kaum zu fassen. Und auch Menschen ohne Gottesglauben gestalten in gleicher Weise christdemokratische Politik und unsere Gesellschaft mit. Warum braucht es heute also noch diesen Bezug zum christlichen Menschenbild und Gottesglauben? Die Berechtigung liegt darin, dass aus dem christlichen Menschenbild
abgeleitete Politik dem Menschen entsprechend seiner Natur und Würde am ehesten dient. Das Verständnis, dass der Mensch Person ist und ihm daraus unabhängig von menschlicher Konstruktion Würde zukommt und dementsprechend eine am Wesen des Menschen ausgerichtete dienende Politik gestaltet wird, bedarf einer Wesensbeschreibung als anthropologischer Konstanten, welche selber nicht in der Verfügung des Menschen liegt. 

 

Katholische Soziallehre

Die katholische Soziallehre leitet aus dem Evangelium und dem Naturrecht aktuelle politische Positionen ab, um das Heil in der Errichtung eines Gottes wohlgefälligen Soziallebens schon auf Erden zu suchen. Sie entstand 1891 als Antwort auf die Soziale Frage der Industrialisierung und wurde seitdem fortentwickelt. Philosophisch ist sie klassisch-scholastische Naturrechtslehre (Naturrecht bedeutet, dass es ein Recht gibt, dass unabhängig von Allem gilt) und praktisch der dritte Weg jenseits der großen Ideologien Kapitalismus und Sozialismus. Damit bot die katholische Soziallehre die geistige Grundlage zum Aufbau der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg: der sozialen Marktwirtschaft.