Die Würde des Menschen

May 23, 2015

Die CDU feiert 2015 das 70. Jubiläum der Kölner Leitsätzen. Das ist eine gute Gelegenheit sich mit den 20 Leitsätzen von 1945 und ihrer Bedeutung für die heutige Zeit auseinanderzusetzen. 

 

Leitsatz 1 lautet: „Die geistige Würde des Menschen wird anerkannt. Der Mensch wird gewertet als selbstverantwortliche Person, nicht als bloßer Teil der Gemeinschaft.“

 

Die Kölner Leitsätze müssen vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Tyrannei gelesen werden. Der Nationalsozialismus brachte als gottlose und menschenverachtende Ideologie unsägliches Leid über Deutschland und viele Völker der Erde. Die Kölner Leitsätze atmen einen starken anti-totalitären Geist und betonen die unveräußerlichen Rechte des einzelnen, die von niemandem jemals genommen werden können und auch in einer Demokratie nicht verhandelbar sind. Der erste Kölner Leitsatz anerkennt die Würde des Menschen. Alle weitere Gedanken und Leitsätze sind Ausfluss der der zentralen Erkenntnis, dass der Mensch eine unantastbare Würde hat. Diese Würde wird aus dem christlichen  Menschenbild abgeleitet.

 

Der Mensch ist im christlichen Glauben entsprechend der Schöpfungsgeschichte die Krone der Schöpfung Gottes. Der Mensch ist einzigartig: Er ist Abbild Gottes, hat eine Seele und ist als soziales Wesen zu Freiheit und Verantwortung berufen (1. Mo. 1,27). Da der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist, kommt ihm eine unabdingbare Würde zu, die ihm qua Mensch natürlich zusteht und mit Rechten ausstattet. Diese Würde kann dem Menschen von niemandem genommen werden. Es gehört zum menschlichen Wesen, dass er zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Im Neuen Testament wird dieses Menschenbild bestätigt.[1]  

 

Auf dieses Bild vom Menschen beruht das christliche Naturrechtsdenken. Den Kölner Leitsätzen wird als Grundlage der „Geiste des christlichen Naturrechts“ zuvor gestellt. Die Forderung der Anerkennung der Menschenwürde ist die logische Konsequenz dessen. Deshalb sind die Ziele der Autoren der Leitsätze gewesen, „die Ansprüche der Gemeinschaft mit den Forderungen des Gemeinwohls zu verbinden [und] eine soziale Ordnung aufzurichten, die der Weite und dem Geiste des christlichen Naturrechts entspricht.“

Naturrechtliche Überlegungen legen zugrunde, dass der Mensch ein bestimmtes Wesen hat und aus der damit zusammenhängenden anthropologischen Konstanten ethischen Konsequenzen von universeller Gültigkeit folgen. Die Frage nach Normen, die nicht für Menschen verhandelbar sind, ist eine lange bestehende philosophische Frage. Schon in der griechischen Antike sind die zwei Hauptströmungen naturrechtlichen Denkens entwickelt: 1. Metaphysisches Naturrecht (was sich im mittelalterlichen und reformatorischen Naturrechtsdenken wiederfindet), 2. Individuelles Naturrecht (was sich im neuzeitlichen Naturrechtsdenken wiederfindet). Aristoteles unterscheidet in der Nikomachischen Ethik zwischen dem „Gerechten“ als unveränderlichem Prinzip (iustitia generalis/universalis) und dem von den Menschen geschaffenem veränderlichen Recht (gr. hē kata meros dikaiosynē, lat. iustitia specialis/particularis). Paulus brachte diese Naturrechtskonzeption der griechisch-römischen Philosophie in das Christentum ein (Röm. 1,20). Die göttlich-natürlich-sittliche Ordnung wird in der Scholastik mit Verweis auf Paulus als mit der Vernunft (nous) fassbar begriffen. Thomas von Aquins Naturrechtslehre bindet auch die christliche Schöpfungs- und Heilslehre ein. Das Naturrecht ist bei Thomas von Aquin gleichsam auch Vernunftrecht. Der Mensch ist vernunftbegabt und fähig zu moralischem Handeln. Im 16. Jahrhundert werden die naturrechtlichen Positionen von Spätscholastikern (Vitorio, Soto, Molina, Suarez) neu belebt, aber auch vom Nominalismus angegriffen, der eine Existenz von „Konzepten“ jenseits der Sinneswahrnehmung leugnet und diese als menschliches Konstrukt ansieht. Hobbes Vertragstheorie besagt, dass der Staat durch den Menschen sozial begründet wird und nicht von Natur aus ist. Diese rechtspositivistischen Ansätze widersprechen dem metaphysischen Naturrecht. Gleichwohl nehmen Locke und Hobbes gleichsam einen vorstaatlichen Naturzustand an.[2] Unter dem Einfluss neuzeitlicher philosophischer Strömungen wirkte sich der Thomismus in der Neoscholastik unter Beibehaltung der Naturrechtslehre aus.[3] In Deutschland gewinnt das Naturrecht in Zeiten der Industrialisierung durch die moderne Katholische Soziallehre an Bedeutung. Mit der Enzyklika Rerum Novarum von 1981 beschreitet Papst Leo XIII. einen anti-sozialistischen und anti-kapitalistischen Weg. In den folgenden Jahrzehnten wird die Soziallehre mit den Prinzipien Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl weiterentwickelt. Die Kölner Leitsätze stehen in dieser geistigen Tradition. Die Autoren vertreten „einen wahren christlichen Sozialismus, der nichts gemein hat mit falschen kollektivistischen Zielsetzungen, die dem Wesen der Menschennatur von Grund aus widersprechen“. Was steckt hinter den Begriffen Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl?

 

Die Personalität des Menschen und dessen Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, zu einer sozialen Ordnung stehen in Beziehung zueinander.[4] Der Personenbegriff innerhalb des christlichen Menschenbildes reicht bis in das 3. Jahrhundert zurück. Die Würde des Menschen gehört untrennbar mit dem christlichen Bild vom Menschen als  „selbstverantwortliche Person“ zusammen.  „Während Natur alles, was zum Menschsein gehört, meint, bezeichnet Person (griechisch: Hypostase) den konkreten Menschen, der existiert, der das „In-sich-Sein“ besitzt, der in Freiheit entscheidet und handelt, der selbständig ist und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung hat“[5]. Der Mensch ist wegen seiner Gottesebenbildlichkeit mit einer unabdingbaren Würde und Rechten qua Mensch ausgestattet, die keiner weiteren Begründung oder Bedingung oder eines Zweckes bedürfen. Der Mensch ist  individuelle Person und soziales Wesen, das zu Freiheit und Verantwortung berufen ist.[6]

 

Zur Anerkennung der Freiheit und Personalität des Menschen gehört, dass kleinen organisatorischen Einheiten Vorrang vor größeren Einheiten gegeben wird. Als Zentrum von gesellschaftlicher Verantwortung wird das Individuum gesehen. An erster Stelle steht die Pflicht zur Eigenverantwortung, danach die Solidaritätspflichten den Nächsten gegenüber und die nächstgrößere Solidargemeinschaft ist erst zur Hilfe verpflichtet, wenn die kleine Solidargemeinschaft nicht ausreichend Hilfe zur Verfügung stellen konnte. Das heißt dass „was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen“[7]. Das Subsidiaritätsprinzip findet sich von der kommunalen Selbstverwaltung bis hin zur EU als Prinzip wieder.

 

Der Mensch ist zwar nicht nur Teil einer Gemeinschaft, aber eben auch Teil einer Gemeinschaft. Gemeinwohl ist die „Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen“[8]. Das Gemeinwohl ist gegenüber der Würde des Menschen nachrangig, was nicht bedeutet, dass das Individualinteresse gegenüber dem Gemeinwohl höherrangig ist. Vielmehr stehen Gemeinwohl und Individualinteressen in Beziehung zueinander. Das Prinzip fordert Gerechtigkeit für alle. „Es muß also alles dem Menschen zugänglich gemacht werden, was er für ein wirklich menschliches Leben braucht“[9]. Dem Staat kommt hierbei eine wichtige Koordinierungsfunktion zu.

 

Auf das Gemeinwohl hin orientiert, werden die jeweiligen Interessen mit Hilfe der Solidarität ausbalanciert. Solidarität ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält und „ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das „Gemeinwohl“ einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle verantwortlich sind“[10].

 

Der Mensch ist ein soziales Wesen und auf Gemeinschaft angewiesen und ausgerichtet. Das Solidaritätsprinzip ist Ausdruck des „unwiderstehlichen Strebens der menschlichen Natur, des Strebens, sich mit andern zusammenzutun, wenn es darum geht, Güter zu erlangen, die von den einzelnen begehrt werden, jedoch die Möglichkeiten und Mittel der einzelnen übersteigen“[11]. Die Würde eines jeden Menschen hat die Verantwortung der Menschen füreinander zur Folge. Um die Würde des Menschen zu schützen, steht in der sozialen Frage besonders die Solidarität mit den Armen und gesellschaftlich Außenstehenden in Zentrum.

Aus dem Solidarprinzip können auch Forderungen bzgl. (beispielsweise ökologischer) Nachhaltigkeit abgeleitet werden: Gerechtigkeitsansprüche, die die Solidarität gegenüber der nächsten Generation einfordern. Die nächste Generation und noch nicht geborenen nächsten Generationen bedürfen wie die Armen und an den Rand der Gesellschaft Gedrängten besonderer Solidarität. Solidarität auf Grundlage des christlichen  Menschenbildes geht dabei über einen gottesleeren Humanismus hinaus und findet ihren Ausdruck in gelebter Nächstenliebe: Caritas.

 

Die im christlichen Menschenbild begründete, naturrechtlich fundierte Würde des Menschen findet Niederschlag in allen Kölner Leitsätzen. Daher sind die Kölner Leitsätze zwar vor dem Hintergrund ihrer Zeit zu lesen, können vom Kern her aber nach wie vor Gültigkeit beanspruchen, da ihr ein Verständnis vom Menschen innewohnt, das unabhängig von jeder Zeit und Kontext ist. Hieraus lässt sich – auch mit Hilfe der skizzierten Prinzipien Personalität, Subsidiarität, Solidarität und Gemeinwohl – Politik ableiten. Die soziale Marktwirtschaft (gleichsam anti-sozialistisch und anti-kapitalistisch) ist ein beispielhafter Beleg für den Erfolg dieser Prinzipien.

 

Auch heute können diese Prinzipien der Katholischen Soziallehre handlungsleitend sein. Dies bedeutet keinesfalls einen Appell für eine religiös-dogmatische Politik. Der Staat garantiert Religionsfreiheit, was aber nicht bedeutet, dass die christlichen Grundlagen verleugnet werden, sondern dass aus dem christlichen Naturrecht heraus Freiheit möglich ist. Das christliche Menschenbild eine Einladung an alle Menschen gleich welcher Religion oder Weltanschauung. Daher ist es richtig, dass „Kinder auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen gemeinsam unterrichtet und erzogen“ werden[12].

 

Der Aufruf der der mutigen Christdemokraten von 1945 ist heute mahnende Erinnerung, Politik auf Grundlage des christlichen Menschenbildes zu gestalten und die Würde des Menschen als selbstbestimmte Person in der Gemeinschaft anzuerkennen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Rauscher, Anton (2008): Das christliche Menschenbild. In: Handbuch der Katholischen Soziallehre. Hrsg.: Rauscher, Anton. Duncker & Humblot. Berlin. S. 4 ff.

 

[2] Klüber, Franz (1968): Katholische Gesellschaftslehre. Verlag A. Fromm. Osnabrück. S. 642 ff.

 

[3] Saberschinsky, Alexander (2001): Die Begründung universeller Menschenrechte. Zum Ansatz der Katholischen Soziallehre. Abhandlungen zur Sozialethik. Hrsg.: Rauscher, Anton und Roos, Lothar. Ferdinand Schöningh. Paderborn. S. 270 f.

 

[4] Von den Autoren der Kölner Leitsätze wird der Menschen gewertet als „selbstverantwortliche Person, nicht als bloßer Teil der Gemeinschaft.“

 

[5] Rauscher (2008): S. 19.

 

[6] Höffner, Joseph Kardinal (1997): Christliche Gesellschaftslehre. Butzon & Bercker. Kevelaer. S. 31.

 

[7] Artikel 79. Quadragesimo Anno enstand in einer Zeit als pluralistische Ansätze gegenüber den individuenfeindlichen, totalitären Ideologien Sozialismus und Nationalsozialismus in Bedrängnis gerieten. Pius XI. (1931): Quadragesimo Anno. Encyclical of Pope Pius XI. on reconstruction of the social order.  Internetquelle: http://www.vatican.va/holy_father/pius_xi/encyclicals/documents/hf_p-xi_enc_19310515_quadragesimo-anno_en.html.

 

[8] Artikel 26 in Paul VI. (1965): Gaudium et Spes. Internetquelle: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html.

 

[9] Gaudium et Spes: Artikel 26.

 

[10] Artikel 38 in Johannes Paul II. (1987): Sollicitudo Rei Socialis. Internetquelle: http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_30121987_sollicitudo-rei-socialis_ge.html.

 

[11] Artikel 60 in Johannes XXIII. (1961): Mater et Magistra. Internetquelle: http://www.vatican.va/holy_father/john_xxiii/encyclicals/documents/hf_j-xxiii_enc_15051961_mater_ge.html.

 

[12] Artikel 12 der Landesverfassung NRW. Internetquelle: https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_text_anzeigen?v_id=2320020927105939563.

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